In drei Sätzen: Das Terrorism Confinement Center in Tecoluca wurde am Dienstag zum Schauplatz eines beispiellosen juristischen Spektakels gegen die berüchtigte Mara Salvatrucha. In El Salvador stehen aktuell 486 mutmaßliche Mitglieder der MS-13 gleichzeitig vor Gericht, um sich für eine unvorstellbarer Anzahl an Straftaten zu verantworten. Die Staatsanwaltschaft legt den Beschuldigten insgesamt mehr als 47.000 Verbrechen zur Last, die in einem Zeitraum von zehn Jahren begangen worden sein sollen.
Der Auslöser: Die salvadorianische Justiz hat unter den Notstandsvollmachten von Präsident Nayib Bukele einen der größten Massenprozesse der Landesgeschichte eingeleitet. Ziel ist die juristische Aufarbeitung einer Gewaltwelle, die das Land über Jahre hinweg im Würgegriff hielt und Tausende Opfer forderte.
Wer sagt was: Die Kommission für Menschenrechte erklärte, dass „dieses Regime die Rechte auf eine rechtliche Verteidigung und auf die Unverletzlichkeit der Kommunikation aussetzt, und zudem die Fristen für die administrative Haft verlängert“. Die Staatsanwaltschaft hingegen fordert die Höchststrafe für jedes einzelne Verbrechen, wobei einzelne Angeklagte bei einem Schuldspruch theoretisch bis zu 245 Jahre Gefängnis erhalten könnten.
Das Sittenbild: Der Status quo zeigt ein Land im extremen Wandel, das die Sicherheit seiner Bürger über rechtsstaatliche Standards stellt. Während die Mordrate drastisch auf 1,3 pro 100.000 Einwohner gesunken ist, warnen Kritiker davor, dass kollektive Strafverfolgungen den Zugang zu fairen Verfahren und rechtlichem Beistand faktisch unmöglich machen.
Zwischen den Zeilen:
- Die Anklage umfasst schwere Delikte wie Mord, Femizid, Erpressung und illegalen Waffenhandel.
- Unter den Angeklagten befinden sich Anführer, die bereits an dem brüchigen Waffenstillstand der Jahre 2012 bis 2014 beteiligt waren.
- Seit Beginn des Ausnahmezustands im Jahr 2022 wurden bereits mehr als 91.500 Personen von den Sicherheitskräften festgenommen.
- Die Beweisführung der Staatsanwaltschaft stützt sich auf Autopsien, ballistische Analysen und zahlreiche Zeugenaussagen.
Follow the money: Die wirtschaftlichen Kosten der massiven Inhaftierungswelle sind immens, da riesige Hochsicherheitsgefängnisse wie das CECOT unterhalten werden müssen, um zehntausende Insassen dauerhaft wegzusperren.
Die andere Sicht: Die Regierung von Nayib Bukele verteidigt das harte Vorgehen mit dem massiven Rückgang der Gewaltkriminalität und verweist auf die Notwendigkeit der Notstandsvollmachten. Aus ihrer Sicht heiligt das Ziel der öffentlichen Sicherheit die Mittel der massiven Einschränkung bürgerlicher Freiheiten.
Warum das wichtig ist: Wenn die kompromisslose Zerschlagung der Bandenstrukturen die einzige Sprache ist, die kriminelle Milieus verstehen, dann bleibt keine andere Wahl. Eine harte Hand des Staates ist kein Verstoß gegen den Rechtsstaat, sondern die einzige Möglichkeit, ihn für die rechtsschaffenden Bürger überhaupt erst wiederherzustellen.
Quellen: reuters.com

