In drei Sätzen: OMV-Chef Alfred Stern warnt vor einer akuten Benzin- und Diesel-Knappheit in Europa. In Österreich melden erste Tankstellen bereits, dass sie weder Benzin noch Diesel mehr vorrätig haben, sagt Österreichs Sprit-Manager im Interview mit der Presse. Die Gegenreaktionen der Politik hält er für nicht ausreichend: „Die Welt verbraucht etwa 100 Millionen Barrel Öl pro Tag, Die 400 Millionen Barrel, die jetzt auf den Markt gebracht werden, reichen für vier Tage Versorgung.“
Der Auslöser: Die eskalierende Nahost-Krise hat die globalen Öl- und Raffinerieketten massiv gestört. Durch Blockaden, Angriffe auf die Infrastruktur und massive Verunsicherung auf den Seewegen – insbesondere der Straße von Hormus – stockt der Nachschub an Öl dramatisch. Zusätzlich verteuern die großen Versicherer die Transporte so, dass der Handel mit Öl nicht mehr rentabel wird.
Wer sagt was:
- Alfred Stern: „Man muss die Relationen sehen: Die Welt verbraucht ungefähr 100 Millionen Barrel Öl pro Tag. Die 400 Millionen Barrel, die jetzt auf den Markt gebracht werden, reichen für vier Tage Versorgung. Ersetzt man nur die Mengen, die üblicherweise durch die Straße von Hormus kommen, reichen die Reserven gerade für 14 Tage. Die Märkte schätzen die Lage einfach so ein, wie sie ist. Niemand weiß, wie lange diese Krise dauert. Auch wir nicht. Wir sind in einer ernst zu nehmenden globalen Mangellage für Öl, Gas und Treibstoffe.“
- Wolfgang Hattmannsdorfer (Wirtschaftsminister, ÖVP): „Österreich ist energiepolitisch stabil“, gab Hattmannsdorfer noch vor elf Tagen „Entwarnung“ – es gebe keinen Anlass zur Sorge.
- Christian Stocker (Bundeskanzler, ÖVP): „Die Versorgungslage ist stabil und die Gas-Speicher gefüllt.“ Etwas anders sehe es allerdings mit der Preisentwicklung aus, die aufgrund der aktuellen Lage nicht absehbar sei. Sollten die Preise „durch die Decke gehen“, behalte sich die Regierung Eingriffe vor.
Das Sittenbild: Während die Bundesregierung die aktuelle Situation als nicht gefährlich betrachtet und weiterhin nur die „Lage beobachtet“, zeichnet der OMV-Manager ein düsteres (vermutlich realistischeres) Bild: Schon jetzt sitzen vereinzelte Tankstellen „auf dem Trockenen“, wie Alfred Stern es formuliert. Tritt nun tatsächlich in den kommenden drei Wochen ein Versorgungsengpass ein, hat die Bundesregierung ihren letzten Vertrauensvorschuss verspielt.
Zwischen den Zeilen: Betroffen sind vor allem kleinere und unabhängige Tankstellen-Betreiber, die auf kurzfristige Lieferungen angewiesen sind. Große Ketten wie OMV, BP oder Shell können ihre Lager noch eine Weile stützen, doch auch hier rechnen Insider mit Engpässen innerhalb der nächsten zwei bis vier Wochen, sollte sich die Krise nicht entschärfen.
- „Die Raffinerien in Europa laufen bereits auf Hochtouren, aber das Rohöl kommt nicht in ausreichender Menge an“, erklärt dazu Alfred Stern. „Wir importieren derzeit aus alternativen Quellen – USA, Nordsee, Westafrika –, doch das reicht nicht, um den Ausfall aus dem Nahen Osten vollständig zu kompensieren.“
Warum das wichtig ist: Die dramatischen Folgen für alle Autofahrer aber auch für das Transport-Gewerbe sind absehbar: lange Warteschlangen vor den Zapfsäulen, Rationierungen an manchen Stationen – und weiter explodierende Preise. Aktuell liegen Superbenzin und Diesel in Österreich bereits oft über 2 Euro pro Liter, ein Niveau, das durch die Krise weiter getrieben wird. Alfred Stern betont jedoch: Die OMV selbst könnte Treibstoff deutlich günstiger anbieten. „Ohne Steuern und Abgaben bliebe uns am Ende nur etwa 80 Cent pro Liter“, rechnet er vor. Allein das Rohöl koste derzeit 55 Cent pro Liter, der Rest entfalle auf Raffinerie, Logistik, Marge und andere Kosten. „Bei einem Verkaufspreis von 1,70 Euro gehen allein 90 Cent an den Staat.“ Der größte Profiteur der Krise sei nicht der Konzern, sondern der Fiskus. Kritisch äußert sich der OMV-Chef auch zu den politischen Reaktionen: Den wiederholten Ruf nach einem Spritpreisdeckel nennt er „jämmerlich“.
Link: Die Presse
