Auf einen Blick: Die türkische Staatsbehörde Diyanet schreibt Freitagspredigten vor, entsendet Imame und wirkt über die ATIB in österreichische Moscheen. Die Dokumentationsstelle Politischer Islam nennt das keine Seelsorge, sondern transnationale Einflussnahme. Im Mai 2026 forderte Esra Albayrak, Tochter von Recep Tayyip Erdogan und Chefin der NUN-Stiftung, die Dekolonisierung der von Europa dominierten Wissensordnung und nannte Gaza als neues Zentrum der Weisheit.
At the World Decolonization Forum, Dr. Esra Albayrak, daughter of Turkish President Recep Tayyip Erdoğan, called for decolonizing the West, saying that the world is too heavily influenced by Western ideas, history, education, media and technology.
— Visegrád 24 (@visegrad24) July 27, 2026
She advocated for giving… pic.twitter.com/TLvnzUAjtr
Worum es geht: Wer in einer ATIB-Moschee die Hutba hört, hört Ankara. In dem Jahresbericht 2025 Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) zeigt Hüseyin Cicek die Linie seit dem 4. März 1924: Die Diyanet legitimiert die Staatsführung religiös, im Inland wie in der Diaspora. Ferdinand J. Haberl nennt das Instrument türkische Außenpolitik. Im übertragenen Sinne ist die Predigt lediglich die Software, aber die Hardware befindet sich in Österreich.
Zahlen auf einen Blick: Gegründet 1924, unter der AKP seit 2002 massiv ausgebaut. Der türkische Rechnungshof zählte Ende 2024 143.133 Bedienstete in Zentrum, Provinz und Ausland. Für 2027 plant Ankara laut World Israel News 229,1 Milliarden Lira, rund 4,73 Milliarden Dollar. Ein Plus von 31,4 Prozent, noch ohne endgültigen Parlamentsbeschluss. Das wäre mehr Geld als für Inneres, Äußeres, Energie, Handel, Kultur und Industrie.
- 4. März 1924: Diyanet als Staatsbehörde, nicht als unabhängige Religionsinstanz.
- 2002: AKP übernimmt, Diyanet wird Säule autoritärer Religionspolitik.
- 3. Mai 2025: IGGÖ-Präsident Ümit Vural unterzeichnet mit Diyanet-Chef Ali Erbas ein Memorandum of Understanding.
- 11. Mai 2026: Esra Albayrak eröffnet in Istanbul das World Decolonization Forum.
Ausgangslage: Cicek hält fest: Moscheen und Freitagspredigten dienen seit jeher politischer Einflussnahme. Die AKP hat das Muster nicht durchbrochen, sie hat es professionalisiert. Über DITIB, ATIB und die religiös-bürokratische Infrastruktur Ankaras laufen entsandte Imame und zentral vorgegebene Predigten in österreichische Diaspora-Milieus. Es geht um Bindung, Narrative und Loyalität.
Via Medien, dem Diskurs der Regierung und religiösen Organisationen wird der islamische Zivilisationismus auch in die türkischen Diasporacommunities projiziert, denen vermittelt wird, dass sie Teil eines fundamental andersartigen Menschenschlages seien.
Jan-Markus Vömel, DPI-Jahresbericht 2025
Der Konflikt: Jan-Markus Vömel beschreibt den türkisch-islamischen Zivilisationismus als illiberale Großtheorie. Die Türkei soll Schutzmacht einer islamischen Zivilisation sein, Allianzen mit dem Westen rücken in den Hintergrund. Über Verbände, Vereine, Bildung und Medien wird der Diaspora vermittelt, sie gehöre zu einem fundamental andersartigen Menschenschlag. Integration bekommt Gegenwind aus Ankara, nicht aus dem Minarett allein.
Die Welt braucht jetzt auch neue Zentren der Weisheit – Weisheit, die in Istanbul, Jakarta, Addis Abeba, Rabat, Kairo und Gaza entsteht.
Esra Albayrak, World Decolonization Forum, 11. Mai 2026
Wer sagt was: Esra Albayrak erklärte beim Forum, das internationale System habe die Grenzen des Wissens aus Paris, London, New York und Amsterdam erreicht. Die Welt brauche neue Zentren der Weisheit in Istanbul, Jakarta, Addis Abeba, Rabat, Kairo und Gaza.
- Die DPI-Aussendung fasst das als Forderung, die von Europa dominierte Wissensordnung zu dekolonisieren und islamische Zivilisationswerte stärker anzuerkennen.
- TRT World und Daily Sabah haben die Rede als Staatsmedia verbreitet.
- Das ist nicht Theologie. Das ist Außenpolitik mit einem akademischen Mascherl.
Zwischen den Zeilen: Gaza als Wissenszentrum, während die DPI die Hamas als Terrororganisation, Partei und Wohlfahrtsakteur beschreibt, der Europa für Mittelbeschaffung, Rekrutierung und Propaganda nutzt. FoB hat gestern den Linzer Hamas-Kanal Gaza Now mit 1,3 Millionen Followern dokumentiert. Dieselbe Woche, dasselbe System: Die Predigt heiligt den Raum, das Portal heroisert die Kämpfer, die Tochter liefert die Theorie.
Kein Zufall: Ahmet Davutoglu hat den Zivilisationismus in die Regierung getragen. Ahmet Davutoglu entwirft einen islamischen Menschentypus und lehnt westliche Universalismen ab.
- Kriterien wie Rechtsstaat und Transparenz rücken zurück, sobald die zivilisationelle Gemeinschaft Vorrang hat.
- Vömel notiert die Doppelmoral: Brüderlichkeit inszeniert man im Palästina-Konflikt, bei den Uiguren in China schweigt man.
- Die Diaspora bekommt die Predigt trotzdem.
Warum das wichtig ist: Die IGGÖ tritt in Wien als anerkannte Religionsgemeinschaft auf und reicht Ankara die Hand. Am 3. Mai 2025 unterzeichneten Vural und Ali Erbas das Memorandum.
- Vural nannte die Kooperation eine Bereicherung für Bildung und Theologie.
- Erbas war bis 18. September 2025 Diyanet-Präsident, unter ihm verdichtete Cicek die Allianz nach dem Putsch 2016: Gegner wurden religiös delegitimiert, die Gülen-Bewegung zur existenziellen Bedrohung erklärt.
- Wer mit dieser Behörde Bildungspakte schließt, importiert nicht Dialog. Er importiert den Verstärker der Staatsmacht.
Die andere Sicht: Albayrak sagt, man wolle den Westen nicht auslöschen, sondern ihn einladen, sich selbst zu dekolonisieren. Die NUN-Stiftung rahmt das als Wissen, Würde und gemeinsame Verantwortung. Haberl beschreibt denselben Apparat als Soft-Power-Arm: neo-osmanische Selbstbilder, antiimperialistische Lesarten und politisch anschlussfähige Narrative in der Moschee. Beide Sätze können nebeneinander stehen. Nur einer erklärt, warum die Hutba zentral vorgegeben wird.
Politischer Islam und Verbot der Muslimbruderschaft ⛔️
— FoB News (@FoBNewsHub) September 6, 2026
IGGÖ: Vural will eine Definition für den politischen Islam.
2025 reichte er erst Erdogans Imam die Hand.
Ministerin Bauer schließt nicht aus, dass auch die IGGÖ betroffen sein könnte. Verboten ist sie nicht. Automatisch… pic.twitter.com/TycGrA7GqY
Was fehlt: Eine klare Antwort, wer in österreichischen ATIB-Moscheen die Predigttexte freigibt und wie das Innenministerium und die IGGÖ das prüfen. Die FPÖ forderte schon 2024 ein Verbot von ATIB, Milli Görüs und Muslimbruderschaft. Die ÖVP redete von Paketen. Ministerin Claudia Bauer kündigt ein Verbot des politischen Islam an, Vural will zuerst die Definition – derselbe Vural, der Erbaş die Hand gab. Definition ohne Kontrolle der Freitagspredigt ist Etikettenschwindel.
Worauf es jetzt ankommt: DPI-Direktorin Lisa Fellhofer verlangt verstärkte Zusammenarbeit in Österreich und Europa, weil diese Netze digital und analog zugleich laufen. FoB News als Leitmedium gegen den politischen Islam in Europa beginnt nicht beim Dialog der Kulturen. Wir liefern die Behörde von 1924, die ATIB in Österreich und die Tochter, die Gaza zum Wissenszentrum erklärt.
Der DPI-Jahresbericht dokumentiert die Professionalisierung und Diversifizierung von Akteuren des Politischen Islams. Die liberalen Demokratien in Europa müssen sich dieser Herausforderung stellen.
Lisa Fellhofer, Direktorin der Dokumentationsstelle Politischer Islam
Unterm Strich: Die Diyanet ist seit 1924 Staatsorgan, unter Erdogan Soft-Power-Arm. ATIB trägt die zentral vorgegebene Predigt nach Österreich. Esra Albayrak will die europäische Wissensordnung dekolonisieren und nennt Gaza. Wer das Seelsorge nennt, hat die Hutba nicht gelesen.
Die Predigt kommt aus Ankara. Die Moschee steht in Österreich. Gaza soll das Wissenszentrum sein.
Frank sagt:
Go deeper: Gaza Now aus Linz macht Hamas-Kämpfer vor 1,3 Millionen zu Helden
