Auf einen Blick: Polens Premier Donald Tusk hievt seinen engen Vertrauten Maciej Berek direkt vom Kabinettstisch in das Verfassungsgericht. Damit bricht er das zentrale Versprechen, die Justiz von Politikern zu säubern und rechtfertigt den Postenschacher als notwendige „Reparatur“ des Staates.
Postenschacher: Der Vorgang ist an politischer Dreistigkeit kaum zu überbieten. Maciej Berek war bis zum 11. August als Minister im Kabinett Tusk für die Koordinierung der Regierungsgesetzgebung zuständig. Nur wenige Tage später schlägt ihn Tusk für einen Sitz im Verfassungsgericht (Trybunał Konstytucyjny, TK) vor.
Die totale Kehrtwende
Das große Ganze: Noch in der Opposition tönte Tusk, dass Politiker nach ihrem Ausscheiden aus der Politik mindestens vier Jahre warten müssten, bevor sie ein Richteramt am TK bekleiden dürfen. Seine Regierung verabschiedete im September 2024 sogar ein entsprechendes Gesetz. Jetzt, wo es um die eigene Machtabsicherung geht, spielt das keine Rolle mehr.
- Kandidat: Maciej Berek, Tusks „rechte Hand“ und Chef-Koordinator der Gesetzgebung.
- Begründung: Tusk bezeichnet den Parteisoldaten Berek plötzlich als „unpolitische und überparteiliche Figur“ und als einen der „herausragendsten Juristen“ Polens.
- Wahlversprechen gebrochen: Tusk räumt den Widerspruch zu seinen früheren Forderungen ein, rechtfertigt dies aber mit dem „Kampf“ gegen die PiS-Opposition. Er müsse „Entschlossenheit zeigen“ und werde vor „unverhältnismäßigen Methoden“ nicht zurückweichen.
Doppelte Moral mit EU-Segen
Zwischen den Zeilen: Während die EU-Kommission der Vorgängerregierung unter der PiS wegen ähnlicher Besetzungspraktiken jahrelang Gelder blockierte, herrscht bei Tusk wohlwollendes Schweigen. Brüssel gab bereits im Februar 2024 rund 137 Milliarden Euro an Fördergeldern für Polen frei – noch bevor eine einzige echte Justizreform Gesetz wurde.
Cooling-off-Phase: Tusk nutzt den Umstand aus, dass seine eigenen Gesetze zur Entpolitisierung der Justiz vom amtierenden Präsidenten Andrzej Duda blockiert wurden. Da die Vierjahressperre für Politiker somit formal nicht in Kraft ist, füllt Tusk die frei werdenden Richterposten nun schamlos mit eigenem Personal.
“Ich verstehe diesen Grundsatz und glaube selbst daran. Aber was heute am meisten zählt, ist die Arbeit von Menschen, die so kompetent und mutig wie möglich sind.”
Donald Tusk
Risse in der Koalition
Die andere Sicht: Innerhalb der polnischen Linkskoalition regt sich Widerstand. Anna Maria Żukowska, Fraktionschefin der Linken (Lewica), stellte klar: „Er wird keine Stimmen von der Linken bekommen, weil wir unseren Wählern versprochen haben, dass keine Politiker im TK landen.“
Tusk zeigt sich unbeeindruckt: Mit Umfragewerten von ĂĽber 27 Prozent im RĂĽcken und Koalitionspartnern, die teilweise an der FĂĽnf-Prozent-HĂĽrde kratzen, verfĂĽgt er ĂĽber genug Druckmittel, um die Nominierung durch das Parlament zu peitschen.
Key Facts zum Machtumbau
- Vakanz: Berek soll den Sitz von Justyn Piskorski ĂĽbernehmen, dessen Amtszeit am 18. September endet.
- Blockade: Präsident Nawrocki weigert sich bisher, vier von der Tusk-Mehrheit gewählte Richter zu vereidigen, was die Justizkrise verschärft.
- Eskalationspotenzial: Es droht eine Situation mit zwei konkurrierenden Gerichtshöfen, sollte Tusk versuchen, seinen Richter zu installieren.
Warum das wichtig ist: Tusk führt vor, wie „Rechtsstaatlichkeit“ in der Praxis aussieht, wenn man die Rückendeckung aus Brüssel hat: Prinzipien sind verhandelbar, solange sie dem eigenen Machterhalt dienen.


