In drei Sätzen: Präsident Karol Nawrocki hat Wolodymyr Selenskyj den polnischen Adlerorden aberkannt, nachdem dieser eine ukrainische Militäreinheit nach der UPA benannt hatte. Selenskyj reagierte prompt und schickte den Orden demonstrativ per Post zurück an den Präsidentenpalast. Die historische Debatte über die UPA-Massaker im Zweiten Weltkrieg stürzt die beiden Partner nun in eine schwere diplomatische Krise.
UPA: Für Polen sind die Massaker der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) an zehntausenden Polen während des Zweiten Weltkriegs in Wolhynien ein ungesühntes historisches Verbrechen. Dass Selenskyj im Mai 2026 einem ukrainischen Spezialkommando den Ehrentitel „Helden der UPA“ verlieh, wurde in Polen als bewusste Provokation und als Schlag ins Gesicht der Opfer und ihrer Nachfahren empfunden.
Auslöser: Ein Dekret vom 26. Mai, in dem Selenskyj eine Einheit der ukrainischen Spezialkräfte nach der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) benannte, die in Polen für Massenmorde an Zivilisten im Zweiten Weltkrieg verantwortlich gemacht wird.
Wer sagt was:
- Karol Nawrocki bezeichnet die UPA als eine Formation, die für grausame Verbrechen gegen polnische Bürger verantwortlich ist.
- Kyrylo Budanow nennt den Entzug des Ordens einen unfreundlichen Akt, der nur dem Moskauer Aggressor nützt.
- Donald Tusk fordert ein Herunterfahren der Emotionen, da der Streit zwischen Polen und der Ukraine lediglich Putin erfreue.
Sittenbild: Während an der Front über das Überleben der Nation gekämpft wird, inszenieren sich die Akteure in einem diplomatischen Kleinkrieg um Orden und historische Deutungshoheit, anstatt die Einigkeit gegen den gemeinsamen Feind zu wahren.
Warum das wichtig ist: Das Zerwürfnis schwächt die polnisch-ukrainische Allianz und spielt dem Kreml in die Hände. Die historische Aufarbeitung, die durch ein Treffen im Dezember 2025 eigentlich Fortschritte machte, liegt nun in Scherben.
Das große Ganze: Die politische Instrumentalisierung der Geschichte durch den Nationalisten Nawrocki trifft auf Selenskyjs Versuch, den ukrainischen Nationalismus durch Militärtraditionen zu stärken. Dieser Konflikt droht die strategische Zusammenarbeit zu lähmen.
Black Box: Das Scheitern der historischen Aufarbeitung hat reale geopolitische Konsequenzen:
- Strategische Schwächung: Polen fungiert als wichtigstes Drehkreuz für westliche Militärhilfe und Logistik in die Ukraine. Ein politisches „Einfrieren“ der Beziehungen gefährdet die nahtlose Kooperation in Sicherheitsfragen, selbst wenn die offizielle Militärhilfe vorerst weiterläuft.
- Russische Destabilisierung: Der Kreml nutzt solche Spaltungen systematisch aus. Die Desinformationskampagnen zielen darauf ab, Polen als unzuverlässigen Partner darzustellen und in der ukrainischen Bevölkerung den Eindruck zu erwecken, der Westen sei „respektlos“ und verfolge eigene imperialistische Interessen.
- Verlust des moralischen Kompasses: Wenn Verbündete sich über die Interpretation von Gräueltaten streiten, verliert die westliche Wertegemeinschaft an Überzeugungskraft. Das „Nie wieder“ der Holocaust-Erinnerung wird durch das „Heldennarrativ“ der UPA-Ehrung in Frage gestellt.
Zwischen den Zeilen: Budanow und drei weitere ukrainische Amtsträger geben ihre polnischen Auszeichnungen ebenfalls zurück – eine koordinierte Eskalationsstrategie, die den Graben zwischen Warschau und Kiew vertieft.
Rückblick: Das Treffen von Dezember 2025, das damals als Hoffnungsschimmer für eine gemeinsame Aufarbeitung galt, wirkt aus heutiger Sicht wie eine verpasste Chance. In der polnischen Gesellschaft, in der das Thema Wolhynien tief verwurzelt ist, lässt sich dieses politische Signal nicht einfach wieder „einfangen“. Der nationale Stolz und das Gedenken an die Opfer wiegen dort schwerer als diplomatische Rücksichtnahmen.
Ausblick: Die für Ende Juni 2026 in Danzig geplante Wiederaufbaukonferenz für die Ukraine steht nun unter einem schlechten Stern. Eigentlich hätte sie ein Zeichen der Einigkeit setzen sollen. Stattdessen droht sie zum Schauplatz des historischen Streits zu werden. Während polnische Politiker wie Nawrocki betonen, dass dies nichts an der grundsätzlichen Sicherheitspolitik ändere, hat die politische Realität durch die Aberkennung des Ordens einen bitteren Nachgeschmack erzeugt.
Die andere Sicht: Die ukrainische Seite behauptet, die UPA habe für die Unabhängigkeit gegen Nazi-Deutschland und die Sowjetunion gekämpft. Historische Fakten zur Genozid-Bewertung durch das polnische Parlament bleiben davon jedoch unberührt.
Wer das Vergangene vergisst, verliert sich selbst.
Frank sagt:

