In drei Zeilen: Am 5. Mai 2026 rollt der ORF zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen eine gewaltige Programmlawine aus. In ORF 2, ORF III und im Radio wird Inklusion zum medialen Hauptdarsteller, während Betroffene im Alltag weiter gegen Barrieren und Armut kämpfen. Es ist die jährliche Dosis schlechtes Gewissen, verpackt in Dokumentationen und Talk-Formate.
Der Auslöser: Der ORF nutzt den 5. Mai, um sich mit einem Programmschwerpunkt als Inbegriff der Barrierefreiheit zu präsentieren. Von „Fit mit den Stars“ bis hin zu „Ohne Grenzen“ wird jedes Format auf Linie gebracht. Man feiert die Vielfalt, solange die Kamera läuft.
Wer sagt was:
- „Ohne Grenzen“ zeigt laut Moderator Andreas Onea, wie der ORF barrierefrei über Parasport berichtet.
- Franz-Joseph Huainigg, ORF-Beauftragter für Barrierefreiheit und Inklusion, gibt im Interview Einblicke in die Sendeformate.
- Manuela Lanzinger, Vizepräsidentin des Österreichischen Behindertenrats, warnt in ORF III vor drohenden Einsparungen bei Förderungen.
- Die Menschenrechtsexpertin Marianne Schulze fordert in Ö1, dass Behinderte ihre Anliegen endlich selbst vertreten müssen.
Das Sittenbild: Während im Fernsehen die heile Welt der Inklusion flimmert, sieht es draußen düster aus. In Kärnten funktionieren die Ampel-Geräusche für Blinde nicht und in Oberösterreich bastelt man noch immer an Gesetzen, die eigentlich schon 2008 fällig waren. Die Bürokratie feiert sich für Novellen, während Betroffene vor kaputten Ampeln stehen.
ORF gönnt sich:
- Fakt: Der ORF bietet auf Seite 777 im Teletext Untertitel und im Netz Nachrichten in einfacher Sprache an.
- Widerspruch: Man rühmt sich für Standards, die im Jahr 2026 eigentlich eine technologische Selbstverständlichkeit sein sollten.
- Warum wichtig: Grundrechte werden hier als besonderer Programmservice verkauft.
Das große Ganze: Die Liste der Sendungen ist lang, die Liste der Probleme länger:
- Mehr als 20 Prozent der Menschen mit Behinderungen in Österreich sind armutsgefährdet.
- Inklusion am Arbeitsplatz scheitert oft an fehlenden Geldern oder komplizierten Förderstrukturen.
- Barrierefreiheit im öffentlichen Raum bleibt in Städten wie Klagenfurt oft Theorie.
Zwischen den Zeilen:
- Der ORF Vorarlberg porträtiert George Nussbaumer, um zu zeigen, dass Blindsein kein Schicksal ist.
- In Niederösterreich wird ein Caritas-Projekt gewürdigt, bei dem Menschen mit Behinderung in einer Pension arbeiten.
- Ruth Oberhuber zeigt in „Prisma“, wie der Arbeitsalltag mit Down-Syndrom in einer Buchhandlung funktioniert.
- Das Musik-Ensemble UNIverse beweist im Bruckner-Jahr, dass Behinderung im Orchestergraben kein Hindernis ist.
Follow the money: Inklusion kostet Geld, das man lieber in PR-Maßnahmen steckt als in echte Barrierefreiheit. Die Vizepräsidentin des Behindertenrats weist explizit auf die prekäre finanzielle Lage hin. Ohne Moos ist nix los, sprich keine Inklusion, egal wie viele Dokus der ORF dreht.
Schizophrenie in Zahlen
- Fakt: 800 Beschäftigte im Wiener Gesundheitsverbund arbeiten als „begünstigte Behinderte“.
- Widerspruch: Ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man die generelle Armutsgefährdung dieser Gruppe betrachtet.
- Warum wichtig: Vorzeigeprojekte kaschieren den Mangel in der Breite.
Die andere Sicht: Natürlich ist mediale Aufmerksamkeit wichtig, um Bewusstsein zu schaffen. Formate wie „Fit mit den Stars“ erreichen ein Publikum, das sonst wenig Berührungspunkte mit dem Thema hat. Aber Bewusstsein füllt keine leeren Mägen und baut keine Rampen.
Go deeper:
Warum das wichtig ist: Der ORF liefert zum 5. Mai eine handwerklich saubere Show ab, die alle Facetten der Inklusion beleuchtet. Doch solange die Politik bei den Förderungen spart und Ampeln für Blinde stumm bleiben, bleibt der Programmschwerpunkt eine Einbahnstraße der guten Absichten. Inklusion ist eben kein Event, das man nach dem Abspann einfach wieder abschalten kann. Schön, dass wir mal drüber gesprochen haben, jetzt können wir ja wieder die Treppen ohne Rampe nehmen.
Quelle: bizeps.or.at

