In drei Sätzen: Der ORF-Redaktionsausschuss hat erstmals ein Misstrauensvotum gegen vier Mitglieder des Stiftungsrates ausgesprochen. Das geschah am 15. April 2026 in Wien während der Frühjahrstagung der gewählten Redaktionssprecher aus allen ORF-Bereichen. Die Journalisten werfen dem Vorsitzenden Heinz Lederer und seinem Stellvertreter Gregor Schütze sowie zwei weiteren Stiftungsräten massive Unvereinbarkeiten und Interessenkonflikte vor.
Der Auslöser: Der aktuelle Anlass ist der überraschende Rücktritt von Generaldirektor Roland Weißmann nach schweren Vorwürfen sowie anhaltende Debatten über Millionen-Abfertigungen, hohe Gehälter und ein toxisches Arbeitsklima im ORF. Trotz dieser Krise funktioniert der Journalismus laut Redaktionsausschuss weiterhin kritisch und distanziert. Die Redakteure sehen jedoch das Aufsichtsgremium als zentrales Problem, das die Krise nicht löst, sondern sogar verschärft.
Wer sagt was:
- „Der ORF steckt in einer schweren Krise“, heißt es in der einstimmig beschlossenen Resolution.
- Der Redaktionsausschuss kritisiert: „Wenn schwere Vorwürfe über ein Mitglied der Geschäftsführung an das Aufsichtsgremium herangetragen werden, wäre es üblich, die betroffene Führungskraft zu beurlauben, eine unabhängige, extern besetzte Kommission mit der Prüfung der Vorwürfe zu betrauen und dann eine Entscheidung im Aufsichtsgremium zu treffen.“
- Die Journalisten fordern eine Neuaufstellung des Stiftungsrates mit fachlich unbestrittenen Experten ohne politische Schlagseite.
Das Sittenbild: Der Stiftungsrat besteht aus 35 Mitgliedern, von denen mindestens zwölf als Lobbyisten, PR-Agenturbesitzer, Pressesprecher oder Interessenvertreter tätig sind. Journalistische Kompetenz fehlt weitgehend. Stattdessen dominieren politische und wirtschaftliche Verflechtungen, die eine unabhängige Aufsicht erschweren und den Verdacht auf Befangenheit nähren.
Das große Ganze: Der Konflikt passt in eine längere Debatte um die Politisierung des ORF und fehlende Transparenz in öffentlich-rechtlichen Medien. Ähnliche Kritik an Interessenkonflikten in Aufsichtsgremien gibt es seit Jahren.
Zwischen den Zeilen:
- Heinz Lederer leitet weiterhin den SPÖ-„Freundeskreis“ im Stiftungsrat, Gregor Schütze jenen der ÖVP, was aus Sicht der Redaktion mit einer unabhängigen Führung des Gremiums unvereinbar ist.
- Lederer gibt als Lobbyist nicht öffentlich bekannt, wer seine Auftraggeber sind. Auf seiner Homepage findet sich keine Kundenliste.
- Im Lobbying-Register scheint Lederer für 2025 mit 12 Aufträgen und einem Umsatz von 280.000 Euro auf.
- Gregor Schütze hat eine öffentliche Kundenliste, zu der unter anderem Rewe, die Ärztekammer, Casinos Austria, KTM und Sky Österreich gehören.
- Im April 2020 versuchte Schütze direkt in der ZiB-Redaktion zu intervenieren, damit eine Rewe-Sprecherin im Originalton gezeigt wird. Die Redakteurin lehnte ab.
- Am 27. Juni 2025 wandte sich der Präsident der Wiener Ärztekammer per Mail an Lederer und Schütze und bat sie, ihren Einfluss geltend zu machen, weil ihm die Berichterstattung auf Ö1 missfiel. Schütze leitete das Mail an Generaldirektor Roland Weißmann weiter.
- Heinz Lederer soll sich bei der Kurier-Geschäftsführung über Berichterstattung von Profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer beschwert und mit Konsequenzen für sie im ORF gedroht haben.
- FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler tritt regelmäßig in einem privaten TV-Kanal auf und diffamiert dort die ORF-Journalisten, was gegen den Corporate Governance Kodex verstößt.
- Thomas Prantner erhielt nach seiner ORF-Zeit einen gut dotierten Beratungsvertrag mit der APA, bei der der ORF größter Genossenschafter ist.
Follow the money: Das Mandat im Stiftungsrat ist gesetzlich ein Ehrenamt. Dennoch profitieren einzelne Mitglieder offenbar über „Umwegrentabilität“ durch Beratungsmandate und Lobbying-Aufträge. Heinz Lederer allein verzeichnete 2025 einen Lobbying-Umsatz von 280.000 Euro. Viele Kunden der Vorsitzenden haben massives Interesse an der ORF-Berichterstattung über sie.
Die andere Sicht: Keine direkten Gegenzitate oder Stellungnahmen der kritisierten Stiftungsräte sind in der vorliegenden Resolution enthalten. Der Redaktionsausschuss betont jedoch, dass einzelne Stiftungsratsmitglieder tadellose Arbeit leisten.
Warum das wichtig ist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziert sich aus Zwangsgebühren der Bürger und soll unabhängig und objektiv berichten. Wenn ausgerechnet die Aufsicht von PR-Beratern und Parteifreunden dominiert wird, die selbst Kunden mit starkem Medieninteresse betreuen, dann ist das System nicht nur reformbedürftig, es ist ein Lehrstück für österreichische Freunderlwirtschaft auf höchstem Niveau.
Quellen: ORF-Redaktionsausschuss

