In drei Sätzen: ÖVP-Kanzler Christian Stocker hat die ehemalige FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess-Hahn getroffen und ihr angeboten, sich als neue ORF-Generaldirektorin zu bewerben. Susanne Riess-Hahn galt einst als enge Vertraute von Jörg Haider und führte die FPÖ unter seiner Ägide in die Regierung. Das Treffen in Wien zielt darauf ab, einen externen Coup zu landen, bevor die Bewerbungsfrist für die Nachfolge des entlassenen ORF-Chefs Roland Weißmann im Mai endet.
Der Auslöser: Die anhaltenden Machtkämpfe und Vorwürfe im ORF haben Teile der ÖVP dazu gebracht, auf eine externe Lösung zu setzen. Christian Stocker lotete bei einem kürzlichen Treffen mit Susanne Riess-Hahn aus, ob die Managerin und ehemalige FPÖ-Politikerin bereit wäre, für den Generaldirektoren-Job zu kandidieren. Die Zeit drängt, und Stocker scheint eine Frau mit politischer Erfahrung als Überraschungskandidatin zu favorisieren.
Wer sagt was: „Die Idee sei reizvoll“, so ein ORF-Insider über die mögliche Kandidatur von Riess-Hahn. Kenner der Top-Managerin bezweifeln jedoch, dass sie sich „das wirklich antun könnte“. Stocker selbst hat sich zu dem Treffen bislang nicht öffentlich geäußert.
Das Sittenbild: Der ORF steckt tief in internen Konflikten und politischen Einflussversuchen. Eine externe Führungskraft soll nun für Abstand zur bisherigen Hausmacht sorgen. Ob eine ehemalige Spitzenpolitikerin mit langer FPÖ-Vergangenheit tatsächlich mehr Unabhängigkeit bringt, bleibt fraglich.
Zwischen den Zeilen:
- Susanne Riess-Hahn war unter Jörg Haider geschäftsführende FPÖ-Obfrau und wurde 2000 seine Nachfolgerin als Parteiobfrau sowie Vizekanzlerin.
- Ihre kalte Entschlossenheit und Loyalität zu Haider brachten ihr den Spitznamen „Königskobra“ ein.
- Nach dem Knittelfelder Putsch 2002 kam es zum Bruch mit Haider, sie trat von allen Parteifunktionen zurück und verließ später die FPÖ.
- Seit 2015 ist sie mit dem ÖVP-Politiker und langjährigen EU-Kommissar Johannes „Gio“ Hahn liiert, die beiden heirateten 2022.
- Riess-Hahn verfügt über exzellente Kontakte in Politik und Wirtschaft, unter anderem saß sie für Rene Benko ab 2009 im Beirat der Signa Holding und war später in Aufsichtsräten von Signa Prime und Signa Development tätig.
- Danach machte sie Karriere als Managerin und führte lange die Wüstenrot-Gruppe.
- Innerhalb der ÖVP gibt es konkurrierende Favoriten, darunter Philipp König aus dem Kurz-Umfeld.
Follow the money: Der ORF verfügt über ein Jahresbudget von mehreren hundert Millionen Euro aus Gebühren und Werbung. Wer die Generaldirektion übernimmt, bestimmt maßgeblich, wie diese öffentlichen Mittel eingesetzt werden und welche inhaltliche Linie der Sender verfolgt.
Die andere Sicht: Während Stocker auf Riess-Hahn setzt, bevorzugen andere Teile der ÖVP weiterhin Philipp König als Kandidaten. Eine Lösung mit engerer Bindung zur türkisen bzw. schwarzen Linie bleibt damit im Rennen.
Warum das wichtig ist: Der Griff nach dem ORF bleibt ein politisches Machtspiel, bei dem alte Netzwerke und Parteifarben zählen. Am Ende könnte ausgerechnet eine einstige rechte Hand von Jörg Haider den teuersten Medienposten des Landes übernehmen – und das alles im Namen der „Erneuerung“.
Quelle: oe24.at

