In drei Sätzen: Österreichs Verteidigungsbudget überschreitet mit geplanten 5,15 Milliarden Euro für 2027 eine historische Marke. Doch hinter den Rekordsummen und den ambitionierten Beschaffungsplänen für den „Aufbauplan ÖBH 2032+“ verbirgt sich eine tiefe strukturelle Krise. Während die Politik geopolitische Handlungsfähigkeit signalisiert, blockieren massive Personallücken und ungedeckte Finanzbedarfe das österrerichische Bundesheer.
Das große Ganze: Verteidigungsministerin Klaudia Tanner feiert die Verdopplung des Budgets seit ihrem Amtsantritt. Der Budgetdienst des Nationalrats stellt jedoch klar: Das offizielle Ziel, die Verteidigungsausgaben bis 2032 auf 2 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP) anzuheben, ist mit der aktuellen Finanzplanung schlicht nicht erreichbar.
Wo das Geld hinfließt: Der Budgetentwurf zeigt ein starkes Wachstum bei den Rüstungsinvestitionen, offenbart aber gleichzeitig die enormen Betriebskosten:
- Der Budgetpfad: Für 2027 sind 5,15 Milliarden Euro vorgesehen (ein Plus von 388 Millionen Euro bzw. 8,1 % zum Vorjahr). 2028 soll das Budget minimal um 36 Millionen Euro auf 5,18 Milliarden Euro steigen.
- Die Großbeschaffungen: 1,5 Milliarden Euro fließen in zwölf Leonardo Advanced Jet Trainer (inklusive Logistik und Ausbildung. Für die bodengebundene Luftverteidigung mittlerer Reichweite (zwei Standorte, je eine Batterie) sind rund 2,5 Milliarden Euro veranschlagt.
- Die Eurofighter-Baustelle: Aktuell sind lediglich fünf Maschinen einsatzbereit, da der Rest modernisiert wird. Die Nachrüstung verschlingt 2027 rund 160 Millionen Euro und 2028 weitere 100 Millionen Euro – das System soll bis 2035 weiterlaufen.
- Der Personalnotstand: Allein in der Direktion für Cyber Defence und elektronische Kampfführung sind über 300 von 1.783 Arbeitsplätzen unbesetzt. Im gesamten Bundesheer fehlen aktuell 626 Planstellen. Bei den Heerespiloten liegt der Besetzungsgrad bei gerade einmal 74 %.
- Ein wichtiges Detail am Rande: Für nationale militärische Übungen implodiert das Budget von 37 Millionen Euro im Jahr 2027 auf gerade einmal 15 Millionen Euro im Jahr 2028.
Das Kernproblem: Die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und finanzieller Realität ist unübersehbar. Um das 2-%-BIP-Ziel bis 2032 tatsächlich zu erreichen, müssten sich die Auszahlungen für militärische Angelegenheiten laut Budgetdienst „nahezu verdoppeln“.
Es fehlt an Soldaten: Gleichzeitig verkommt das militärische Gerät ohne das nötige Personal zur bloßen Dekoration. Drohnenabwehr (jeweils 100 Millionen Euro für 2027 und 2028) und neue Cloud-Lösungen sind strategisch richtig. Sie laufen jedoch ins Leere, wenn solche Arbeitsplätze im Cyber-Berreich aufgrund mangelnder Attraktivität verwaist bleiben.
Mangelverwaltung unter edlem Namen: Zudem wirft es Fragen auf, warum beim „Aufbauplan“ zugunsten von Drohnen auf eine zweite Staffel der Advanced Jet Trainer verzichtet werden musste, während das Ministerium den Aufbauplan gleichzeitig als flexibles „lebendes Dokument“ deklariert.
Warum das wichtig ist: Österreich versucht in einer Epoche massiver geopolitischer Verschiebungen, seine sicherheitspolitische Handlungsfähigkeit und Resilienz wiederzuerlangen. Das aktuelle Ziel lautet eine 30 Tage Versorgungsautarkie zu erreichen.
Klares Fokus fehlt: Wenn Großinvestitionen zu 70 % der heimischen Wirtschaft zugutekommen, ist das ein positiver wirtschaftlicher Nebeneffekt. Militärisch entscheidend ist aber der reale Output an Einsatzbereitschaft. Wenn eine Wehrdienstreform allein für die Grundwehrdiener jährlich 55 Millionen Euro verschlingt und die Verlängerung des Grundwehrdienstes politisch blockiert ist, bleibt das Fundament der Truppe – die Miliz (derzeit rund 21.000 Beorderte) – chronisch unterfinanziert.
Abschließende Beurteilung: Das Überschreiten der 5-Milliarden-Grenze ist kein Triumph, sondern das überfällige Eingeständnis jahrelanger kaputtgesparter Infrastruktur und verhinderter Anschaffungen. Das budgetäre Kernproblem des Bundesheeres wird durch das Budget 2027/2028 nicht gelöst, sondern nach hinten verschoben. Österreich kauft teures Gerät und verliert den Kampf um das qualifizierte Personal, das dieses Gerät bedienen müsste. Ohne eine ehrliche Budgetaufstockung droht der Aufbauplan 2032+ ein unvollendetes Projekt zu bleiben.


