Auf einen Blick: Die EU-Kommission plant kein generelles Verbot für russische SIM-Karten. Sie schiebt die Verantwortung auf die Mitgliedstaaten. Nationale Behörden dürfen Sperren nur von Fall zu Fall anordnen, wenn Missbrauch oder Betrug nachgewiesen sind. Der digitale Hahn bleibt auf.
Wichtig zur Schärfe: Eine Drohne braucht keine russische SIM, um zu fliegen. GNSS, Trägheitssensoren, vorab geladene Karten und Satellitenlinks reichen oft. Die Karten sind trotzdem relevant. Sie dienen als billiger Kanal für Telemetrie, Kurskorrekturen, Video und als Fallback, wenn GPS gestört wird. „Nicht nötig“ und „wird eingesetzt“ sind zwei verschiedene Sätze.
Warum das wichtig ist: Die Kommission zieht sich bei der Netzsicherheit auf Bürokratie zurück. Der „EU-Aktionsplan zur Drohnenabwehr“ (COM/2026/81 final) beschreibt Erkennung und Tracking – inklusive zellularer Detektion ungewöhnlicher SIM-Identitäten. Den Roaming-Zugang selbst dreht Brüssel nicht zu.
- Verweis auf den europäischen Kodex für elektronische Kommunikation (Richtlinie 2018/1972).
- Artikel 97 Absatz 2: nationale Behörden können Provider zur Sperre von Nummern oder Diensten verpflichten.
- Aber nur „von Fall zu Fall“, nach nachgewiesenem Missbrauch.
- Aktionsplan: COM(2026) 81 final
- Kodex: Richtlinie 2018/1972
Rückblick Die Lage ist nicht neu. Sie hat sich seit 2024 verdichtet.
- Ukrainische Fachleute, allen voran Serhii „Flash“ Beskrestnov, beschreiben Shahed-Drohnen mit T2-Karten. In der Ukraine ist T2-Roaming gesperrt. An den Grenzen zu Belarus, Polen und Rumänien docken die Geräte an fremde Netze an. Das Institute for the Study of War bewertet das als bewusste Nutzung europäischer Telekom-Lücken.
Euromaidan Press / ISW, 19.04.2026 - Kommissar Andrius Kubilius hat im Parlament gesagt, Drohnen über Polen seien mit SIM-Karten aus Litauen und Polen manipuliert worden, damit sie das europäische System nutzen können.
EUR-Lex, Debatte / C/2026/2983 - Parallel läuft die zivile Lücke: In einem Binnenmarkt ohne Roaming-Gebühren reicht eine Karte aus einem Mitgliedstaat für das ganze Unionsgebiet. Mehrere Staaten verlangen weiter keine volle Identitätsprüfung beim Kauf.
Anfrage E-001477/2026 - Die Kommission kennt das Muster und setzt im Aktionsplan auf Detektion: ungewöhnliche SIM-Identitäten, Datenprofile, 5G als Sensor. Das ist Beobachtung, keine Zugangssperre.
Digital Strategy der Kommission
Aus russischer Sicht
Moskau behandelt Mobilfunk als Waffe und als verwundbare Infrastruktur. Deshalb handelt es unilateral und ungleich.
- Oktober 2025: Ausländische SIM-Karten bekommen beim ersten Eintritt ins russische Netz 24 Stunden kein mobiles Internet und keine SMS. Anrufe laufen oft weiter. Offizielle Begründung: Drohnenschutz, „Abkühlphase“. Litauens Regulierer RRT und Telia haben das für europäische Roaming-Kunden bestätigt.
LRT, 07.10.2025
Spiegel, 10.11.2025 - November 2025: Dasselbe Regime trifft russische Karten, die aus dem Ausland zurückkommen oder 72 Stunden inaktiv waren. Wieder Drohnen-Begründung.
The Record - Die Umsetzung ist löchrig: Daten und SMS fallen weg. Die Regel greift je nach Provider, Region und Kartenprofil unterschiedlich. Einzelne österreichische Karten können deshalb weiter roamen, ohne dass die Maßnahme damit widerlegt wäre.
Moscow Times, 08.10.2025 - Juli 2026: Roaming-Traffic ausländischer Karten unterliegt derselben Filterung wie inländischer Verkehr. Der alte Umweg um die Zensur über EU-Karten ist damit weitgehend tot. Russische Schätzungen sprechen von rund zwei Millionen ausländischen Karten im Land, davon etwa 500.000 dauerhaft im Netz. Begründung erneut: Nutzung in Drohnen.
Ukrainska Prawda, 12.07.2026 - Die große Millionenzahl daneben: Roskomnadzor ließ 2025 18,45 Millionen Karten deaktivieren. Das ist vor allem die interne Säuberung – Limit 20 Karten pro Russe und 10 pro Ausländer, Biometriepflicht, falsche Kundendaten. Das ist nicht 1:1 „EU-Karten rausgeworfen“. Wer die Zahl so setzt, macht den Text angreifbar.
UNITED24, 13.02.2026
Der Nutzen aus Moskauer Sicht ist nicht „jede Drohne fällt vom Himmel“. Der Nutzen ist, den billigsten Steuerkanal unzuverlässig zu machen.
Womit Brejza die Kommission konfrontiert
Krzysztof Brejza (PPE, Polen) hat die Anfrage am 22. April 2026 eingereicht. Die Antwort kam erst im September. Fristen der schriftlichen Anfrage E-001646/2026 wurden gerissen.
Drei Fragen:
- Kennt die Kommission die Rolle russischer SIM-Karten bei Militärschlägen und hybrider Kriegführung in der EU und ihrer Nachbarschaft?
- Gibt es eine Strategie für ein EU-weites Verbot oder die Kündigung verbliebener Roaming-Abkommen mit russischen Providern?
- Russland hat den Netzzugang für Karten aus EU-Staaten bereits beschränkt. Warum keine gleichwertigen Schritte?
Wortlaut der Anfrage E-001646/2026
Zwischen den Zeilen: Die Kommission weicht der Reziprozitätsfrage aus. Statt einer politischen Antwort auf eine hybride Bedrohung kommt der Verweis auf eine Richtlinie, die für den zivilen Alltag geschrieben wurde, nicht für einen Kriegszustand an der Grenze.
Warum das wichtig ist: Russische Streitkräfte brauchen europäische Roaming-Strukturen nicht als einzigen Steuerweg. Sie nutzen sie, wo sie offen stehen: an Grenzen, über Partnernetze, mit Karten aus der Union und aus Russland.
- Die EU sanktioniert Firmen, Banken, Öl und Gas. Beim Mobilfunk bleibt der Zugang der Einzelfallprüfung überlassen.
- Moskau handelt nach dem Prinzip Verdacht plus Pauschalsperre. Brüssel handelt nach dem Prinzip Nachweis plus nationale Zuständigkeit.
- Ein funktionierendes AT-Roaming in Russland widerlegt nicht die russische Linie. Es zeigt nur, dass beide Seiten löchrig operieren. Der Unterschied: Moskau will schließen. Brüssel will prüfen, wenn der Missbrauch schon da ist.
Absurd bleibt der Satz, nur schärfer formuliert: Wenn die Drohne einschlägt, prüfen wir im Einzelfall, ob die Karte missbräuchlich verwendet wurde.
Frank sagt:

