In drei Zeilen: Keir Starmer, der britische Premier, ist angezählt. Nach miesen Wahlergebnissen wittern seine innerparteilichen Feinde Morgenluft und ziehen die Messer. Im Zentrum des Machtkampfs: die Brexit-Frage, die das Land zerrissen hat und jetzt die Labour-Partei zerreißen soll.
Der Auslöser: Die Labour-Partei hat bei Wahlen eine schallende Watschn kassiert. Premier Keir Starmer wirkt wie ein geschlagener Hund, seine potenziellen Nachfolger stehen schon bereit. Der frühere Minister Wes Streeting hat den Kampf eröffnet und das Tabu-Thema Brexit wieder auf den Tisch geknallt.
Wer sagt was:
- Streeting, ein ambitionierter Ex-Minister, nennt den Brexit einen „katastrophalen Fehler“ und fordert eine „neue besondere Beziehung zur EU“.
- Andy Burnham, Bürgermeister von Manchester, will langfristig auch zurück in die EU, muss aber in seinem Wahlkreis auf die Bremse treten.
- Angela Rayner, die ehemalige Vize-Chefin, will die „alten Argumente“ vermeiden, kritisiert aber die geplatzten Versprechen der Brexit-Befürworter.
Das Sittenbild: Hier geht es nicht um das Wohl des Landes, sondern um reine Machtpolitik. Streeting zündet das Brexit-Feuer bewusst, um seinen Hauptkonkurrenten Burnham unter Druck zu setzen, der in einem Pro-Brexit-Wahlkreis antritt. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, während der eigentliche Scherbenhaufen ignoriert wird.
Schizophrenie der Ziele
- Fakt: Sowohl Streeting als auch Burnham geben sich als Pro-Europäer, um die Labour-Mitglieder zu umgarnen.
- Analyse: Streeting schließt die Personenfreizügigkeit aus, Burnham will das Thema im Wahlkampf meiden. Ihre Pro-EU-Rhetorik ist ein reines Taktik-Manöver ohne konkreten Plan, wie eine Rückkehr überhaupt funktionieren soll.
- Warum wichtig: Das zeigt die Zerrissenheit der Partei. Man will die Vorteile der EU, aber nicht die politischen Kosten dafür tragen.
Das große Ganze: Die Labour-Partei ist in der Brexit-Frage tief gespalten. Starmers Zickzack-Kurs hat ein Vakuum geschaffen, das seine Rivalen jetzt füllen. Während die Regierungspartei mit sich selbst beschäftigt ist, lauert Nigel Farage mit seiner rechtspopulistischen Reform-UK-Partei darauf, jeden Riss auszunutzen.
Zwischen den Zeilen: Die Manöver der Labour-Granden sind durchschaubar und entlarvend.
- Wes Streeting, eigentlich ein Rechter in der Partei, nutzt die Pro-EU-Karte, um sich bei der linken Parteibasis beliebt zu machen – ein seltener und kalkulierter Schachzug.
- Andy Burnham steckt in der Klemme: Er muss gleichzeitig die Brexit-Wähler in seinem Wahlkreis bedienen und die Pro-EU-Mitglieder bei einem möglichen Führungskampf überzeugen. Ein Spagat, der ihn zerreißen könnte.
- Keir Starmers Wendehälsigkeit ist legendär. Einst verteidigte er die Personenfreizügigkeit, dann zog er rote Linien, jetzt weicht er sie wieder auf. Seine Führungsschwäche ist die Einladung für den Aufstand.
Follow the money: Angela Rayner spricht es offen an: Unternehmen klagen über Wettbewerbsnachteile und der versprochene Geldregen für das Gesundheitssystem blieb aus. Stattdessen sind die Lebenshaltungskosten gestiegen. Starmers Versuch, über sektorale Abkommen den wirtschaftlichen Schaden zu begrenzen, ist ein Eingeständnis des Desasters.
Die andere Sicht: Nigel Farage, Chef von Reform UK, reibt sich die Hände. Jede Annäherung an die EU ist für ihn ein „Verrat“ am Volkswillen von 2016. Er wird die Labour-interne Debatte nutzen, um die Partei als abgehobene Elite darzustellen, die den Brexit rückgängig machen will.
Warum das wichtig ist: Dieser innerparteiliche Machtkampf entscheidet über die Zukunft von 67 Millionen Briten und ihre Beziehung zu Europa. Es geht um Handel, Wohlstand und den Platz des Landes in der Welt. Doch statt einer klaren Strategie sehen wir nur das egoistische Taktieren von Politikern, die auf den nächsten Karriereschritt schielen. Man könnte fast meinen, sie hätten aus dem Brexit-Debakel rein gar nichts gelernt.
Quellen:
BBC News
The Observer
ITV News
The Independent

